Geschichte

Das Bundesbriefmuseum (bis 1992: Bundesbriefarchiv) wurde 1936 in erster Linie für ein einziges Objekt erbaut: den Bundesbrief von 1291. Dieses Dokument galt als Gründungsurkunde der Eidgenossenschaft und wurde im eigens errichteten Gebäude fast wie ein Nationalheiligtum verehrt. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Bundesbriefmuseum zum modernen historischen Museum gewandelt. Heute wird hier nicht nur die Geschichte des Bundesbriefes erklärt, sondern auch der Umgang mit nationaler Geschichte thematisiert.

DER BAU DES BUNDESBRIEFARCHIVS: ZUR STÄRKUNG DER NATIONALEN IDENTITÄT

Der Bundesbrief von 1291.

Schwerwiegende politische und wirtschaftliche Krisen hatten in den 1930er Jahren Europa erschüttert. Die Machtergreifung Hitlers  wurde auch in der neutralen Schweiz als existentielle Bedrohung empfunden. In dieser Krisenzeit entstand in der Schweiz die «Geistige Landesverteidigung». Diese war geprägt von einer intensiven Besinnung auf alles «Schweizerische» in Geschichte, Politik und Kultur. Als typisch schweizerisch verstandene Werte wie kulturelle Vielfalt, Demokratie, Freiheitswille und Unabhängigkeit wurden den faschistischen und nationalsozialistischen Totalitarismen entgegen gestellt.

General Guisan nimmt 1941 das Defilee der Turppen ab.

Der Bundesbrief von 1291 verkörperte und symbolisierte all diese Werte. Es überrascht darum nicht, dass er in der Zeit der Geistigen Landesverteidigung fast wie ein Nationalheiligtum verehrt wurde. Der Architekt des Bundesbriefmuseums, Josef Beeler, erklärte denn auch, er habe für das Nationalheiligtum der Schweiz eine Kathedrale errichten wollen. Im Ausstellungssaal des Bundesbriefmuseums wurde der Bundesbrief in einer «Altar des Vaterlandes» genannten Vitrine präsentiert. Der Bundesbrief und sein Museum waren zu einem Zentrum der Geistigen Landesverteidigung geworden.

KUNST, SYMBOLIK UND ZWECKMÄSSIGKEIT

Die «Wehrbereitschaft» im Park des Museums

Ausdruck des Zeitgeistes der 1930er Jahre ist auch die Kunst am und im Bundesbriefmuseum.  Sowohl Heinrich Danioths «Fundamentum» an der Hauptfassade als auch Walter Clénins «Rütlischwur» thematisieren die Gründung der Eidgenossenschaft auf dem Rütli und Hans Brandenbergers Monumentalplastik «Wehrbereitschaft» steht für die Dynamik, Stärke, Kraft und Wehrfähigkeit der Schweiz – wichtige Werte der Geistigen Landesverteidigung.

Dabei erfüllte das Gebäude neben dem repräsentativen auch einen praktischen Zweck. Im hinteren Teil des Bundesbriefarchives war das Staatsarchiv untergebracht. Wichtiger aber war fraglos der Museumsteil des neuen Gebäudes,  wo das Staatsarchiv die bedeutendsten Urkunden aus seiner Sammlung ausstellte. Bis heute gehören sämtliche im Museum gezeigten Urkunden – also auch der Bundesbrief von 1291 – dem Staatsarchiv und damit dem Kanton Schwyz.

DIE 68ER: VOM ALTAR GEHOLT

Der Ausstellungssaal im Jahr 1980.

Mit dem gesellschaftlichen Aufbruch Ende der 1960er-Jahre geriet auch das traditionelle Schweizer Geschichtsbild ins Wanken. Der Bundesbrief von 1291 galt nicht mehr länger als Gründungsurkunde der Eidgenossenschaft. Diese Erkenntnis spiegelte sich auch in der Ausstellung des Bundesbriefmuseums, die 1979 erneuert wurde. Dem Bundesbrief von 1291 wurde seine herausragende Bedeutung abgesprochen. Er wurde aus seiner Vitrine und damit vom «Altar des Vaterlandes» geholt und in einer Ringvitrine neben andere Bündnisse und Urkunden gelegt – als einer unter vielen.

MYTHOS UND GESCHICHTE

Der Bundesbrief von 1291 ist beides:
Mythos und Geschichte

Schon in den 1990er Jahren, endgültig aber bei der Neugestaltung des Museums im Jahr 2014, galt es wieder, die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft in die Ausstellungsgestaltung einfliessen zu lassen. Der Bundesbrief von 1291 ist zwar keine Gründungsurkunde, dennoch hatte er insbesondere in der Zeit der Geistigen Landesverteidigung eine grosse Wirkung auf die nationale Identität der Schweiz und ihrer Bewohnerinnen und Bewohner. Diese Wirkungsgeschichte des Dokumentes, die Bedeutung des Mythos rund um den Bundesbrief von 1291, ist heute ein wichtiger Aspekt der Ausstellung. Das Museum ist als Denkmal der Geistigen Landesverteidigung damit selbst zu einem Teil der Ausstellung geworden.